Bücherwurm
Ausgabe Nr. 5
4. August - 10. August 2002
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Nach Olympia

Hölderlin und die Erfindung der Antike; Autor: Honold, Alexander

Die Begeisterung des 18. Jahrhunderts für das antike Griechenland war von großer Bedeutung für das kulturelle Selbstverständnis der beginnenden Moderne. Am Werk Hölderlins und dessen Entwurf des antiken Olympias zeichnet Alexander Honold die Leitmotive der modernen Antikerezeption in der Literatur, Archäologie und Pädagogik nach. Den Spuren des Dreiecks von Literatur, Archäologie und Körperpädagogik haben sich bislang weder die Literatur- und Kulturgeschichte angenommen, noch die Chronisten der olympischen Bewegung. So gibt dieser Band nicht nur eine neue Sicht auf das Werk Hölderlins, sondern bietet darüber hinaus einen umfassenden Abriss der Vorgeschichte des Olympia-Gedankens. Die vorliegende Hölderlin-Studie Alexander Honolds ist ein Glücksfall literaturwissenschaftlicher Forschung, weil sie über den Rahmen ihrer eigenen Disziplin hinauszugehen vermag. Ausgehend von Hölderlins „Hyperion", und dessen dichterischem Entwurf des antiken Olympia entfaltet Honold das historische Panorama jener außerordentlichen Griechenland-Begeisterung, die das 18. Jahrhundert kennzeichnete und den Beginn moderner Archäologie markierte.

Das Werk Hölderlins wird bei Honold zum Werkzeug der Kulturanalyse; und das Olympia-Projekt erweist sich als der Fokus, in dem sich die Tendenzen des modernen Antike-Kults und des nationalkulturellen und pädagogischen Reform-Diskurses um 1800 bündelten. Bei Hölderlin war Olympia ein institutionalisiertes Ritual der Aufnahme und Integration fremdkultureller Zuwanderung. Wesentliche Elemente der Spiele waren die Ästhetik des Agonalen und der athletische Körperkult.

Die Neue Zürcher Zeitung vom 27.06.2002 in ihrer Kritik:

„Ungewöhnlich dicht und kenntnisreich" nennt der Rezensent Ralf Müller Alexander Honolds Studie über Hölderlins Bild der Antike, und dasselbe trifft auch auf seine Rezension zu. „Jeder Blick in die Vergangenheit ist zugleich Ausdruck der Gegenwart", schreibt Müller einleitend und liest Honolds Buchtitel „Nach Olympia" sowohl als Wegweiser in die Vergangenheit als auch als Selbstpositionierung im „Danach". Honold erzähle demnach „zwei Geschichten": die von Hölderlin und die vom europäischen Antike-Mythos. Wie die glühende Antikenverehrung zur „existenziellen Selbstbefragung" wird, zeigt Honold in Hölderlins Werk auf, wobei ihm in erster Linie der „Hyperion" als Bezugstext dient. Der „unkonventionelle und phantasievolle Interpret" Honold, wie Müller voll des Lobes schreibt, sieht diese Spannung der gleichzeitigen Rück- und Selbstzuwendung in Hyperions Verhältnis zu seinem Lehrer Adamas, das er als „Emblem einer Allianz von Antike und Moderne" liest, und im dynamischen Bild der Quelle, das er als Metapher der Kulturkonstitution versteht: „Kultur ist auch ‚als Effekt von Migration zu begreifen und darzustellen’. Doch das Antike-Bild sei auch aufgrund der wissenschaftlichen Entwicklung problematisch geworden, vor allem im Bereich der Archäologie. Hölderlin habe den tiefgreifenden Paradigmenwechsel in der Betrachtung der Antike miterlebt, in der Methodik die Einfühlung ablöst. Für Honold zeige der „Hyperion" also ein doppeltes Olympia, das zugleich „agonale Urszene und realhistorischer Trümmerhaufen" sei. Später, als die Nazis die olympische Wettkampf-Metaphorik für die soldatische Kriegsbereitschaft verpflichteten, „wurde aus dem olympischen Agon Agonie", schließt der Rezensent pathetisch.

Zum Autor:

Alexander Honold, geboren 1962 in Chile, ist Literaturwissenschaftler und Kritiker, Lehrtätigkeit an der Freien Universität und an der Humboldt-Universität zu Berlin. 1998/99 Fellow am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen; langjähriger Koordinator des DFG-Projektes zur „Literatur- und Kulturgeschichte des Fremden" an der Humboldt-Universität. Autor zahlreicher Aufsätze und Literaturkritiken (u.a. FAZ und Zeit). Buchpublikationen u.a.: Die Stadt und der Krieg. Raum- und Zeitkonstruktion in Robert Musils ‚Der Mann ohne Eigenschaften’ (München 1995); Der Leser Walter Benjamin. Bruchstücke einer deutschen Literaturgeschichte (Berlin 2000); Hölderlins Kalender. Astronomie und Revolution um 1800 (erscheint 2003).

Verlag Vorwerk 8, IBSN 3-930916-51-7, 19.00 Euro


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