Bücherwurm
Ausgabe Nr. 7
18. August - 24. August 2002
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In allen Lüften hallt es wie Geschrei

Die Frage der Psychiatrisierung von Patienten hat auch heute noch nichts von ihrer Aktualität verloren. Das Schicksal des jüdischen Dichters Jakob van Hoddis zeigt, wie ein Mensch zum Objekt der Akten und Anstalten wird. Der Autor des vielleicht berühmtesten expressionistischen Gedichtes „Weltende" geriet kurz vor dem 1. Weltkrieg in die Mühlen der Psychiatrie und wurde 1942 aus einer jüdischen Heil- und Pflegeanstalt deportiert. Übriggeblieben sind ein paar Gedichte und Briefe, einige Krankenakten und die Erinnerungen seiner Freunde und Verwandten, die nur ein unscharfes und unvollständiges Bild von der Persönlichkeit van Hoddis zeichnen. Fritz Bremer lässt den Menschen van Hoddis wieder lebendig werden. Erst in der Erzählung wird die Person van Hoddis sichtbar und spürbar, in seiner Genialität wie in seinen Schwächen.

In dem Spannungsfeld aus Fakten und Fiktion steht die Literaturszene und die psychiatrische Landschaft zu Beginn unseres Jahrhunderts wieder auf. Fulminanter Höhepunkt ist eine Zeitreise des Patienten Hoddis in das Triest der 70er Jahre. Hier, weit entfernt von dem realen Vernichtungsprozess, an einem Geburtsort der Psychiatriereform, deutet sich die Alternative einer vorurteilsfreien Begegnung mit dem Wahnsinn an.

Resonanz

Irene Stratenwerth in Die Zeit: „Bremers Biographie fragt, ohne es auszusprechen: Wie würde uns jemand wie Hoddis heute begegnen? Als eine jener Gestalten, die, unverständliches Zeug murmelnd, durch die Städte streifen und auf Lüftungsschächten schlafen? Oder als braver Patient der Drehtür-Psychiatrie, eingepackt in einen dicken Mantel antipsychotischer Medikamente? Kann man Menschen wie Hoddis ‚einfach verschleppen, verstecken und zur Nichtexistenz erklären?’ fragt der Klappentext. Doch die Fragen, die diese brillant erzählte Geschichte außerdem stellt, sind sehr viel beunruhigender."

Leo Navratil in Spektrum: „Fritz Bremer hat die Lücke zwischen den sorgfältig zitierten Dokumenten mit seiner Vorstellungskraft ausgefüllt, wobei man ihm neben Behutsamkeit intime Kenntnisse psychotischer Menschen und großes literarisches Geschick zuerkennen muss."

Jens Clausen in Sozialpsychiatrische Informationen: „Dieses kleine Kunstwerk (...) lädt uns ein in eine dichterische und zugleich präpsychotische, dann immer psychotischer werdende Erlebniswelt des Jakob van Hoddis, und selten ist uns eine Psychose auf bedrucktem Papier so hautnah vermittelt worden."

Jakob van Hoddis - Fragmente einer Biographie von Fritz Bremer

ISBN 3-88414-188-0, 150 Seiten, 12,40 Euro


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