Peter Nordhues
Als in Deutschland die ersten Universitäten gegründet
wurden, beklagten sich die Herren Magister und Professoren über die Herren
Studiosi, dass diese mit mangelhaften Schulkenntnissen den Eintritt in die
Alma Mater wagten. Diese Klage wird traditionsgemäß bis zum heutigen Tag
fortgesetzt. Mit besonderen Anstrengungen versuchten die Herren Sprachlehrer
die deutsche Sprache in das Korsett der lateinischen Grammatik zu zwängen.
Erst Martin Luthers Bemühungen eine hochsprachliche
Übersetzung der Bibel zu erstellen, brachten den Durchbruch für eine
allgemein anerkannte Schreib- und Sprechweise. Übrigens benutzte er als
Grundlage dafür die sächsische Kanzleisprache im damals kaiserlichen Prag.
Die Vielfalt der Dialekte und all ihrer Schattierungen
bringt jedoch erst den Reiz in eine lebende Sprache. So gibt es ja im
eigentlichen Sinne kein „richtiges" oder „falsches" Deutsch,
sondern nur Spielarten eines seit frühester Kindheit erworbenen
Grundmusters. Erfreulicherweise entwickelte Konrad Duden dann ein Regelwerk,
das amtlicherseits übernommen wurde. Auf dieser Grundlage können sich alle
Menschen im deutschsprachigen Raum verständigen ohne eine unüberschaubare
Menge an Mundarten beherrschen zu müssen.
Alle Regelwerke der deutschen Sprache sind nach der
Auffassung beider oben erwähnten Autoren, Martin Luther und Konrad Duden,
eine Zustandsbeschreibung der Sprache. Es ist der Dudenredaktion, die mit
ihrer Veröffentlichung der neuen amtlichen Rechtschreibregeln im Jahre 1997
so viel Aufsehen erregte, zu danken, dass sie bei diesem Verfahren geblieben
ist und keine mehr oder weniger willkürlichen Regeln aufgestellt hat. Die
sprachwissenschaftliche Methodik lässt dies auch gar nicht zu.
Fünf Jahre ist dies nun her; die Aufregung war damals
groß, es hagelte bösartige Kommentare, sogar Klagen wurden eingereicht.
Doch wer die amtlichen Regeln nicht beachtet, hat weder ein Bußgeld noch
den Kerker zu fürchten.
In einem Kommentar war zu lesen: „Die sogenannte neue
Rechtschreibung ist äußerst suspekt und die meisten neuen Regeln sind
blanker Unsinn." Was bedeutet hier „sogenannte neue Rechtschreibung"?
Die neue Rechtschreibung ist ja wirklich neu und nicht so genannt neu, also
kein alter Wein in neuen Schläuchen. Dann wird es kriminell. Die
Rechtschreibung ist „suspekt"! Dieses Wort bedeutet verdächtig, es
ist lateinischen Ursprungs. Liegen Gründe vor, die neue deutsche
Rechtschreibung etwa finsterer Machenschaften zu verdächtigen? Treibt sie
ein solches ruchloses Unwesen, dass sie sogar äußerst suspekt ist? Tun
sich hier Abgründe auf, von denen wir bisher nichts ahnten? Der Autor
äußert jedoch seine Verdachtsmomente nicht und so bleiben die von ihm
unterstellten Missetaten im Dunkeln.
Zweifelhafte Schreibweisen und unfreiwilliger Humor sind
beinahe an der Tagesordnung. Ein Quell unerschöpflicher Heiterkeit sind
Kleinanzeigen, die meist kostenlos veröffentlicht werden und wahrscheinlich
deshalb nicht mehr redigiert werden. Hier ein besonders hübsches Exemplar:
„Abzugeben zum Hälftepreis großer Fernseher (1996)
Sony KV-K25MZ1 Originalpreis 23,9000 Baht für 11,000 Baht. Tel. XXX"
Herzlichen Glückwunsch! Es ist dem Inserenten gelungen,
die deutsche Sprache um ein Hauptwort zu bereichern, das bisher tatsächlich
gefehlt hat, nämlich der Hälftepreis. Im Wörterbuch zu finden war bisher
nur schnöderweise „Preis", kleinere oder größere Einheiten fehlten.
Auf dieser Grundlage ist die Sache ausbaufähig: Viertelpreis,
Sechzehntelpreis, Hundertstelpreis, Zweimalpreis usw. Außerdem ist zu
vermuten, dass beim Inserenten pausenlos das Telefon klingelte, denn sein
Fernseher ist ein echtes Schnäppchen: Für nur elftausend Baht ist er zu
haben, wohingegen die Neuanschaffung mit fast einer viertel Million Baht zu
Buche schlug.
Mangelhafte Zeichensetzung stiftet eben Verwirrung.
Beispiel aus einer Anzeige eines Kaufhauses: „Wir bieten: • Ein breites
Angebot an Waren zu exzellenten Preisen • Kaffee Ecke Bäckerei."
Man findet dort Waren zu exzellenten Preisen. Dem
Preisbewussten ist ein Besuch nicht zu empfehlen, er wird sein blaues Wunder
erleben. Das Preisniveau dürfte demnach aus dem ortsüblichen hervorragen.
Besser wäre: zu günstigen Preisen. Hier hält man nicht nur Kaffee feil
und kann eine Bäckerei aufsuchen, sondern es wird auch eine „Ecke"
angeboten. Eine solche habe ich beim Einkaufen schon immer gesucht, vor
allem eine ruhige Ecke. Gemeint ist aber wohl eine Kaffeeecke, jawohl drei
e, nur keine Angst!
Eigenschaftswörter werden grundsätzlich klein
geschrieben, sie werden substantivisch nur in feststehenden Begriffen, wie
zum Beispiel Rotes Kreuz oder Deutsche Bundespost, gebraucht. In der Anzeige
eines gastronomischen Betriebes heißt es: „Bei allen Europäischen
Gerichten ist die Suppe und das Salatbüfett inklusive." Eine bessere
Formulierung wäre: Alle europäischen Gerichte beinhalten eine Suppe und
die Teilnahme am Salatbüfett. Folgendes kann ja nicht gemeint sein: Der
Europäische Gerichtshof hat heute eine Suppe und ein Salatbüfett auf der
Speisekarte seiner Kantine?
„Gästehaus und Restaurant: 9 Gästezimmer mit
Ventilator vollständig möbliert." So steht es in einer
Immobilienanzeige. Der Traum jedes Innenarchitekten wird wahr: Mit
geringsten Mitteln lässt sich große Wirkung erzielen. Zum Möblieren von
neun Räumen braucht man nur einen Ventilator.
„Unterstützung der Sehschärfe mit Hilfe modernster
Computertechnik – oder Ihre Brille wird auf Rezept angefertigt." Der
Kunde kann sich also zwischen zwei Möglichkeiten entscheiden. Dem Laien
gruselt – ein Hauch von Frankenstein zieht durch die Optikerpraxis –
sollen seine Augen an einen Computer angeschlossen werden? Oder sollen
chirurgische Eingriffe mittels Computertechnik zur Unterstützung der
Sehschärfe durchgeführt werden? Setzt man stattdessen das Wort
Untersuchung ein, so braucht niemand Angst um sein Augenlicht zu haben.
„Langjährig eingesessene Firma liefert...."
Auweia! Einsitzen ist ein Ausdruck aus der Gerichtssprache und bedeutet eine
Gefängnisstrafe verbüßen. Nicht ein einzelner Mitarbeiter wurde in Haft
genommen, sondern gleich die ganze Firma! Ich empfehle „ansässige"
zu benutzen.
Derartige Beispiele lassen sich endlos fortsetzen. Es ist
schade, dass mit unserer Sprache oft nachlässig umgegangen wird. Ein paar
Sekunden Nachdenken lohnen sich, um eine passende Formulierung zu finden.
Auch das gedruckte Wort ist nicht mehr zurückzuholen, es steht da: Schwarz
auf Weiß.
Fortsetzung nächste Woche.