Der Frühling ist ausgebrochen! Sogar der Norden
Deutschlands wurde schon von der Sonne gestreift. Hier im Süden herrscht
seit über einer Woche Biergartenwetter. Und Hochstimmung. Die ist
vielleicht auch der Grund, warum selbst die Rekordzahl von 4,7 Millionen
Arbeitslosen im Februar und Desaster Meldungen aus Wirtschaft und
Finanzmärkten, z. B. der Rekordverlust der Telekom, nur nebenbei vermerkt
werden?! Die Gewerkschaften streiken unbeeindruckt für mehr Lohn und
kürzere Arbeitszeiten. Im Moment ist die Bahn dran, und viele Reisende
mussten in den letzten Tagen das Leben in vollen Zügen auf dem Wartegleis
fristen.
Auch das Thema Irak dominiert zwar die Nachrichten, ist
aber bei Gesprächen über der ersten Maß Bier im Freien eher Nebensache.
Lasst positive Meldungen um uns sein! Wie Dieter Bohlen Superstar. Dem ist
sein plötzlicher Imagewandel vom rüpelhaften Pop-Rumpelstilzchen zur
ehrlichen Produzenten-Haut zwar selbst noch nicht ganz geheuer. Aber er
spielt brav den beschützenden Adoptivvater seines frisch gekürten „Superstars".
Der heißt übrigens Alexander, ist 19 Jahre jung und sieht ein bisschen aus
wie der kleine Bruder von Ralf Schumacher.
Während die Nation am vergangenen Samstagabend noch
telefonisch darüber abstimmte, ob der „deutsche Robin Williams" oder
seine Wettbewerberin Juliette das Rennen machen sollten im RTL-Spektakel „Deutschland
sucht den Superstar" (Quietsche-Daniel war in der Vorwoche rausgekickt
worden), musste man im ZDF einen gnadenlosen Tiefschlag hinnehmen. Dort
wurde nämlich Box-Liebling Dr. Wladimir Klitschko von Corrie Sanders
sozusagen mit links auf die Bretter geschickt. Nach zwei Niederschlägen in
der ersten Runde knockte die schlagkräftige Linke des Südafrikaners den
Favoriten Klitschko in der zweiten Runde kurz und schmerzhaft endgültig aus.
Doch schon kurz nach dem Kampf versprach der etwas verbeulte Ukrainer: „Ich
komme wieder!" – und so mögen wir ja unsere Helden.
Wieder kam auch der beim „Grand Prix d’Eurovison"
unvermeidliche Ralph Siegel. „Nie mehr", hatte der Schlagerkönig
zwar nach dem vorletzten Platz seiner Corinna May im letzten Jahr
versprochen. Doch dann schickte er am vergangenen Freitag wieder einen „Supersong
für Riga" ins Rennen: „Let’s get happy" sang so gnadenlos
fröhlich wie belanglos die karottenrote Strahlemaus Lou aus Siegels Stall
– und verwies damit alle anderen Bewerber auf die Plätze bei der
anschließenden Telefonabstimmung. Das Nachsehen hatte auch Comedian Elmar
Brand, dessen neuer, doch auch so positiver Kanzlersong „Alles wird
gut" auf der Strecke blieb.
Überhaupt war viel von Frieden und „Habt euch alle
lieb" die Rede in den Grand-Prix-Songs des wie immer recht namenlosen
Teilnehmerfeldes. Das spiegelte neben der Harmonie-Sehnsucht vor allem eines:
Deutschland wird wirklich multi-kulti. Am Start waren unter anderem ein
Halb-Italiener, eine junge Türkin, ein Pole, eine junge Frau, die einst aus
den Kriegswirren Eritreas nach Berlin flüchtete. Und vier, nach eigenem
Bekunden „echte Hamburger Jungs", deren dunkle Hautfarbe die
Vermutung nahe legt, dass die Hansestadt aus dem hohen Norden ins südliche
Afrika abgewandert ist.
Ach, weil wir ja keine anderen Probleme haben, dürfen sich seit diesem
Sangeswochenende Dieter Bohlen und Ralph Siegel öffentlich streiten, wer
nun Songs kupfert oder wer nun altbacken komponiert.