Die Lage ist hoffnungslos und seit Montag Nacht nimmt man
das auch hierzulande richtig ernst. Innerhalb weniger Stunden nach George
Bushs „Kriegserklärung" kippte die Stimmung in nackte Angst um.
Selbst in den Schwabinger Cafés gab es heute (Dienstag) unter der Boheme,
die sonst nur um sich selbst kreist, ein alles beherrschendes Thema: „Was
wird dieser Krieg im Irak für Auswirkungen auf Deutschland haben?"
Dabei wird nicht nur die Furcht vor möglichen Terroranschlägen diskutiert.
Genauso panisch fragt sich alles: Geht es der Wirtschaft endgültig an den
Kragen? Obwohl der Börsen-DAX paradoxerweise erstmals seit Wochen nach oben
schnellte, begleiten reichlich Hiobsbotschaften das Säbelrasseln der USA.
Aber noch etwas anderes schockiert viele Deutsche an
Cowboy Bushs starrem Kriegswillen. Es ist die Tatsache, dass sich die USA
tatsächlich einfach über die UNO und den Willen der Völkermehrheit
hinwegsetzt. War es ein naiver Irrglaube, dass das Recht des Stärkeren nur
noch in der Western-Unterhaltung made in Hollywood gilt? Irgendwie stirbt
mit diesem Krieg auch der Glaube an die Werte der US-Demokratie, der Mythos
von der Freiheit des Andersdenkenden. Und diese Enttäuschung ist gerade bei
der älteren Nachkriegsgeneration, welche die USA bis heute bedingungslos
als Befreier hochhielt, extrem groß.
Kündigungsschutz und Tarifpflicht lockern,
Arbeitslosengeld kappen, mehr Eigenbeteiligung bei der Krankenkasse,
Kommunen entlasten und Betriebsgründungen ohne Meisterbrief – Kanzler
Schröder schlachtete in seiner, mit Spannung erwarteten,
Regierungserklärung am vergangenen Freitag reichlich heilige SPD-Kühe.
Doch der erhoffte Ruck in Richtung Optimismus wollte trotzdem nicht durchs
Volk gehen. Denn Überraschungen hielt sie kaum bereit – das meiste war
schon Tage vorher durchgesickert und zerpflückt worden.
Auf der weltgrößten Computermesse CeBIT in Hannover,
noch vor wenigen Jahren Publikumsmagnet, blieben die Aussteller dagegen fast
unter sich. Wohl auch, weil diesem Konjunkturbarometer echte Novitäten
fehlten. Mit aufgemotzten Videospielen oder Handy-Gimmiks lassen sich keine
Massen bewegen.
Und die Presselandschaft bebte: Die „Süddeutsche
Zeitung" erschien am vergangenen Samstag erstmals ohne ihr
traditionelles „Streiflicht". Mit der fast leeren Spalte auf Seite
eins demonstrierte die Redaktion des Blattes gegen den Beschluss, die
populären Regionalseiten für Nordrhein-Westfalen einzustellen und damit 20
Mitarbeiter zu entlassen. Nur eine Sparmaßnahme von vielen in der
inzwischen teilweise existenzbedrohten Medienlandschaft – allein in
München sind derzeit mehr als 4300 Spezialisten dieser Branche arbeitslos,
viele weitere Kündigungen bereits angedroht. Hauptgrund des Debakels: Die
Werbeeinnahmen gingen in der Konjunkturflaute drastisch zurück.
Übrigens sei am Rande vermerkt, das der letzte Montag
noch zwei andere Topmeldungen bereithielt: Zum einen trat Jürgen Möllemann
nach langem Hin-und-Her um sein umstrittenes Flugblatt aus der FDP aus.
Unklar ist allerdings noch, ob er auch sein Landtagsmandat in
Nordrhein-Westfalen sowie seinen Abgeordnetensitz im Bundestag aufgibt. Denn
gewählt ist gewählt: „Mölli" könnte auch parteilos weitermachen,
sehr zum Verdruss der Parteispitze.
Außerdem ist der Übernahme-Fight um die insolvente Kirch-Media
entschieden: der milliardenschwere US-Produzent („Power Rangers") und
gebürtige Ägypter Haim Saban schlug den Bauer Verlag und hat künftig die
Mehrheit bei vier TV-Sendern (Sat 1, Pro sieben, Kabel 1 und der
Nachrichtenkanal N24) und übernimmt außerdem die Filmrechte von Leo Kirchs
ehemaligem Imperium. Da fragt sich mancher bang, ob bald auch in Deutschland
nur noch Kommerz die Fernsehwelt regiert.