2. Jahrgang
Ausgabe Nr. 37

14. September - 20. September 2003
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Von Nicola Hahn

„Ich kann diesen Sch…dreck nicht mehr hören…" Tante Käthe ist geplatzt. Gebannt verfolgte die Nation, wie Rudi Völler in Reykjavik vom blamablen 0:0 gegen Island mit einem Frontalkonter ablenkte. Dass diese bösen, bösen Journalisten, inklusive der Ex-Spielerkollegen Günther Netzer und Franz Beckenbauer, aber auch immer alles kritisieren müssen Und so ergoss sich der ganze Frust des Rudolf Völler vor den Live-Kameras über die bayrische Duzmaschine Waldemar Hartmann. Ein bisschen erinnerte das Ganze an Trappatonis „Flasche leer"-Ansage. Nur dass am Ende das „Ich habe fertig" fehlte.

Der Konter glückte, denn tags drauf redete niemand mehr über das 0:0, sondern nur noch über Rudis Sturmangriff. Und der gebeutelte Trainer bekam auch gleich noch Beifall aus Berlin und München. Kanzler Schröder und Wahlkämpfer Stoiber bekundeten, da habe ihnen endlich mal jemand so richtig aus der Seele geredet. Aber mal im Ernst: Dürfen Journalisten Schmarrn für Gold verkaufen? Oder müssen sie nicht tatsächlich den Finger in die offenen Wunden legen?! Das sind die Fragen, über die an Stammtischen derzeit heiß diskutiert wird. Und im Falle Völler, Fußball und Qualifikation sind sich eigentlich alle einig: Ein Sieg muss her – am besten über Schottland. Und wehe, wenn das nicht geklappt hätte …

…dann dürften sich unsere Fußballer ungefähr so warm anziehen, wie die Basketballer. Die waren ja angetreten, Europameister zu werden – und dann scheiden sie schon in der Vorrunde aus. Da kann sich Albatross Dirk Nowitzki noch so sehr nach dem Korb strecken, wenn die Taktik nicht stimmt. Klar, glatter Trainerfehler. Und weil Trainer Dettmann Selbstkritik statt Vorwärtsverteidigung übt, muss er nun seinen Hut nehmen. Da hätte er von Rudi lernen können.

Mal schauen, wann Verkehrsminister Clement der Kragen platzt. Dessen tolle Idee der LKW-Maut droht sich zum Mega-Flopp auszuwachsen. Denn die Geräte, die den Standort der Brummis per Satellit orten sollen, liefern statt präziser Daten nur Mist oder funktionieren gar nicht. Das fährt die Trucker sauer und auch die Speditionen. So herrscht dieser Tage ein Chaos auf Deutschlands Straßen, dass sich mal nicht im Stau äußert.

Im Chaos der Gefühle stecken auch Millionen deutscher Teenies seit dem Wochenende. Die Fans der Retorten-Girlieb and No Angels wissen seitdem nicht mehr so genau, wen sie nun anhimmeln sollen. Denn Lucy, Nadja und ihre Mitstreiterinnen ging der Atem aus. Sie seien nur noch müde – und wollen keine Superstars mehr sein. Bevor sie auf der Bühne einschlafen, haben sie sich lieber getrennt. Den Traum vom schnellen Ruhm kann das warnende Beispiel aber nicht zum platzen bringen. Der Run auf die Castings der einschlägigen TV-Shows ist ungebrochen. Und der neueste Auswuchs, der demnächst quotenträchtig über die Bildschirme flimmert, legt noch eins drauf: Superstars meets Big Brother – der hoffnungsvolle Sangesnachwuchs wird kurzerhand in eine „Starcamp" eingesperrt und darf dann auch beim Rachen gurgeln und Duschen beobachtet werden.

Und glauben Sie bloß nicht, Sie wären ganz weit weg von diesem Wahnsinn: Gerade hat Daniel Küblböck eine zweiwöchige Promo-Tour durch Thailand angekündigt. Wenn Ihnen ein schrilles Wesen mit schmaler Brille und braunen Fransen begegnet, der wie ein Quietsche-Entchen spricht: Lachen Sie ihn nicht aus, lassen Sie sich ein Autogramm geben. Es könnte der deutsche „Superstar" sein…


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