Dr. Iain Corness
Stolpert die einst so großartige amerikanische
Autoindustrie über sich selbst? Von außen gesehen scheint es so. Trotz der
vielgepriesenen Verkaufszahlen im Juli, als die „großen drei" ihre
Preise drastisch gesenkt haben, um ihre Lagerbestände abzubauen, sieht sich
die Automobilbranche der USA nach wie vor zu vielen ungelösten Problemen
gegenüber.
Henry
Ford I. steht neben einem Ford Modell T.
Amerika hat sich mangelhaft, zu spät und zu langsam
bemüht, der japanischen Invasion zu begegnen. Japan hat den amerikanischen
Markt mit besseren Fabriken, effizienteren Produktionsmethoden und, offen
gesagt, erheblich besseren Fahrzeugen erobert, die sie auch noch zu
günstigeren Preisen anbieten können als die einheimischen amerikanischen
Autos.
Die amerikanische Autoindustrie hat sich jedenfalls
selbst in den 1990er Jahren eine tiefe Grube gegraben, aus der sie nicht so
leicht wieder herauskommen wird. Mit zukünftigen Belastungen, darunter die
Pensionsansprüche der Belegschaften, die die Kapitaldecke noch weiter
belasten, und Börsennotierungen, die immer weiter in den Keller rutschen
– besonders von GM und Ford, deren Aktien von Analysten mittlerweile als
„Junk" (Abfall) bezeichnet werden –, sieht sich die
US-Autoindustrie einer tiefen Krise gegenüber.
Verschiedene Versuche wurden unternommen, die Produktion
schlanker zu machen, und das hat anfangs auch etwas Erholung gebracht. So
wurden z.B. die Zuliefersparten für Autoteile ausgegliedert. Eine dieser
Zulieferfirmen ist die riesige Delphi Corp., die 1999 von General Motors
(GM) ausgegliedert wurde und die sich jetzt in dringlichen Gesprächen zu
einer Reorganisation befindet, um den Bankrott abzuwenden. Letztes Jahr
belegte diese Firma mit Verkäufen von 17,6 Milliarden US-Dollar noch den
ersten Platz unter den 150 größten Zulieferfirmen für original
amerikanische Autoteile. Dennoch konnte die Firma mit 24.000 Angestellten
nur einen Verlust von 4,8 Milliarden US-Dollar einfahren.
Das Problem für GM ist, das es Delphi nicht einfach
untergehen lassen kann, da es der Haupt-Teilelieferant für GM ist. Zudem
gibt es einige Vorschriften in den amerikanischen Arbeitsgesetzen, die dazu
führen würden, dass GM in diesem Fall Delphis 24.000 Angestellte
übernehmen müsste, inklusive deren Pensionsansprüchen. Somit muss GM
zusehen, dass Delphi wieder profitabel wird. Aber wie?
Delphi steckt wirklich in einer Zwickmühle. Es hat eine
Vereinbarung mit der Gewerkschaft der amerikanischen Automobilarbeiter
(United Auto Workers, UAW), nach der sie allen von der UAW vertretenen
Arbeitern einen Stundenlohn von 27,50 US-Dollar zahlen muss. Arbeiter, die
nicht von der UAW vertreten werden, könnte sie für 12 Dollar pro Stunde
anheuern. Bei 27,50 Dollar macht die Firma klar Verluste, bei 12 Dollar
könnte sie möglicherweise Gewinne machen. Hier ist ein
Einsparungspotential von 14,8 Millionen US-Dollar pro Woche gegeben.
Auch der UAW ist bewusst, dass die Firma sich in
Schwierigkeiten befindet. Sollte sie auf ihren Lohnforderungen für ihre
organisierten Arbeiter beharren, könnte das Kartenhaus ganz schnell
zusammenstürzen, aber öffentlich zuzugestehen, dass ihre Arbeiter weniger
verdienen als der ausgehandelte Tarif, würde allem widersprechen, wofür
die Gewerkschaft gekämpft hat.
GM braucht Delphi, um weiterhin seine Autos bauen zu
können. Wenn Delphi überleben will, braucht es Zugeständnisse von der
UAW. Damit die UAW ihr Gesicht nicht verliert, braucht sie GM als den „weißen
Ritter".
Aktuell führt die Delphi Corp. Sanierungsgespräche mit
General Motors und der UAW. Delphis Präsident Rodney O’Neal bestätigte
die Gespräche und sagte: „Wir müssen eine kooperative Lösung mit der
UAW und mit GM finden, um der Situation zu begegnen. Denn wir brauchen eine
vollständige Lösung, und die können wir nur unter Einbeziehung unserer
beiden strategischen Partner erreichen."
GM ist nicht der einzige Automobilhersteller in
Schwierigkeiten. Auch Ford betrifft dies, die Firma, die unter Henry Ford I.
als erstes Unternehmen seine Arbeiter über Tarif bezahlt hat, um die
Produktion des Ford Modell T anzukurbeln. Diese Denkweise hat sich aber
leider als ein Eigentor erwiesen. Die Krise, der sich Delphi
gegenübersieht, kam weniger als drei Monate nachdem die UAW einer
Restrukturierung der Visteon Corp. zugestimmt hat, dem Autoteilehersteller,
der früher von der Ford Motor Co. ausgegliedert worden war. Nach Angaben
von Analysten drohte auch Visteon ein Konkursverfahren, bis Ford
eingewilligt hat, die 17.400 UAW-Arbeiter sowie 24 Fabriken und Standorte
von Visteon zu übernehmen.
O’Neal sagt, die Sanierung von Delphi könnte der
Rettung von Visteon ähneln oder auch nicht. „Es kann alles in
unterschiedlichen Formen und Gegebenheiten kommen. Der Punkt ist, dass die
Probleme gelöst werden müssen. Das Wie dazu braucht Dialog und
Kreativität. Es liegt aber nicht in meiner Absicht zu spekulieren, wie sich
die Dinge entwickeln werden."
Währenddessen kämpft Delphi gegen die Zeit, um sich
durch „Verbesserung, Schließung oder Verkauf" von seinen
unprofitablen Fabriken und Geschäftslinien zu trennen. Ob diese Bemühungen
erfolgreich sind, wird die Zukunft der amerikanischen Automobilproduktion
stark beeinflussen.
Copyright © 2002 Pattaya Mail. Alle Rechte vorbehalten
Alle Inhalte dienen der persönlichen Information. Eine Weiterverwendung und Reproduktion über den persönlichen Gebrauch hinaus ist nicht gestattet.