4. Jahrgang
Ausgabe Nr. 36

6. September - 12. September 2005
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Automobilindustrie der USA teuflisch angeschlagen

Automobilindustrie der USA teuflisch angeschlagen

Dr. Iain Corness

Stolpert die einst so großartige amerikanische Autoindustrie über sich selbst? Von außen gesehen scheint es so. Trotz der vielgepriesenen Verkaufszahlen im Juli, als die „großen drei" ihre Preise drastisch gesenkt haben, um ihre Lagerbestände abzubauen, sieht sich die Automobilbranche der USA nach wie vor zu vielen ungelösten Problemen gegenüber.

Henry Ford I. steht neben einem Ford Modell T.

Amerika hat sich mangelhaft, zu spät und zu langsam bemüht, der japanischen Invasion zu begegnen. Japan hat den amerikanischen Markt mit besseren Fabriken, effizienteren Produktionsmethoden und, offen gesagt, erheblich besseren Fahrzeugen erobert, die sie auch noch zu günstigeren Preisen anbieten können als die einheimischen amerikanischen Autos.

Die amerikanische Autoindustrie hat sich jedenfalls selbst in den 1990er Jahren eine tiefe Grube gegraben, aus der sie nicht so leicht wieder herauskommen wird. Mit zukünftigen Belastungen, darunter die Pensionsansprüche der Belegschaften, die die Kapitaldecke noch weiter belasten, und Börsennotierungen, die immer weiter in den Keller rutschen – besonders von GM und Ford, deren Aktien von Analysten mittlerweile als „Junk" (Abfall) bezeichnet werden –, sieht sich die US-Autoindustrie einer tiefen Krise gegenüber.

Verschiedene Versuche wurden unternommen, die Produktion schlanker zu machen, und das hat anfangs auch etwas Erholung gebracht. So wurden z.B. die Zuliefersparten für Autoteile ausgegliedert. Eine dieser Zulieferfirmen ist die riesige Delphi Corp., die 1999 von General Motors (GM) ausgegliedert wurde und die sich jetzt in dringlichen Gesprächen zu einer Reorganisation befindet, um den Bankrott abzuwenden. Letztes Jahr belegte diese Firma mit Verkäufen von 17,6 Milliarden US-Dollar noch den ersten Platz unter den 150 größten Zulieferfirmen für original amerikanische Autoteile. Dennoch konnte die Firma mit 24.000 Angestellten nur einen Verlust von 4,8 Milliarden US-Dollar einfahren.

Das Problem für GM ist, das es Delphi nicht einfach untergehen lassen kann, da es der Haupt-Teilelieferant für GM ist. Zudem gibt es einige Vorschriften in den amerikanischen Arbeitsgesetzen, die dazu führen würden, dass GM in diesem Fall Delphis 24.000 Angestellte übernehmen müsste, inklusive deren Pensionsansprüchen. Somit muss GM zusehen, dass Delphi wieder profitabel wird. Aber wie?

Delphi steckt wirklich in einer Zwickmühle. Es hat eine Vereinbarung mit der Gewerkschaft der amerikanischen Automobilarbeiter (United Auto Workers, UAW), nach der sie allen von der UAW vertretenen Arbeitern einen Stundenlohn von 27,50 US-Dollar zahlen muss. Arbeiter, die nicht von der UAW vertreten werden, könnte sie für 12 Dollar pro Stunde anheuern. Bei 27,50 Dollar macht die Firma klar Verluste, bei 12 Dollar könnte sie möglicherweise Gewinne machen. Hier ist ein Einsparungspotential von 14,8 Millionen US-Dollar pro Woche gegeben.

Auch der UAW ist bewusst, dass die Firma sich in Schwierigkeiten befindet. Sollte sie auf ihren Lohnforderungen für ihre organisierten Arbeiter beharren, könnte das Kartenhaus ganz schnell zusammenstürzen, aber öffentlich zuzugestehen, dass ihre Arbeiter weniger verdienen als der ausgehandelte Tarif, würde allem widersprechen, wofür die Gewerkschaft gekämpft hat.

GM braucht Delphi, um weiterhin seine Autos bauen zu können. Wenn Delphi überleben will, braucht es Zugeständnisse von der UAW. Damit die UAW ihr Gesicht nicht verliert, braucht sie GM als den „weißen Ritter".

Aktuell führt die Delphi Corp. Sanierungsgespräche mit General Motors und der UAW. Delphis Präsident Rodney O’Neal bestätigte die Gespräche und sagte: „Wir müssen eine kooperative Lösung mit der UAW und mit GM finden, um der Situation zu begegnen. Denn wir brauchen eine vollständige Lösung, und die können wir nur unter Einbeziehung unserer beiden strategischen Partner erreichen."

GM ist nicht der einzige Automobilhersteller in Schwierigkeiten. Auch Ford betrifft dies, die Firma, die unter Henry Ford I. als erstes Unternehmen seine Arbeiter über Tarif bezahlt hat, um die Produktion des Ford Modell T anzukurbeln. Diese Denkweise hat sich aber leider als ein Eigentor erwiesen. Die Krise, der sich Delphi gegenübersieht, kam weniger als drei Monate nachdem die UAW einer Restrukturierung der Visteon Corp. zugestimmt hat, dem Autoteilehersteller, der früher von der Ford Motor Co. ausgegliedert worden war. Nach Angaben von Analysten drohte auch Visteon ein Konkursverfahren, bis Ford eingewilligt hat, die 17.400 UAW-Arbeiter sowie 24 Fabriken und Standorte von Visteon zu übernehmen.

O’Neal sagt, die Sanierung von Delphi könnte der Rettung von Visteon ähneln oder auch nicht. „Es kann alles in unterschiedlichen Formen und Gegebenheiten kommen. Der Punkt ist, dass die Probleme gelöst werden müssen. Das Wie dazu braucht Dialog und Kreativität. Es liegt aber nicht in meiner Absicht zu spekulieren, wie sich die Dinge entwickeln werden."

Währenddessen kämpft Delphi gegen die Zeit, um sich durch „Verbesserung, Schließung oder Verkauf" von seinen unprofitablen Fabriken und Geschäftslinien zu trennen. Ob diese Bemühungen erfolgreich sind, wird die Zukunft der amerikanischen Automobilproduktion stark beeinflussen.


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