5. Jahrgang
Ausgabe Nr. 27

4. Juli - 10 Juli 2006
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Update jeden Sonntag von Saichon Paewsoongnern

Der Bär ist tot, lang lebe der Bär!

Franz Schmidt
Ein „Volksheld“ ist tot. Der Braunbär „Bruno“, der wochenlang die Öffentlichkeit in Atem hielt, ist von der Hand staatlicher Häscher mittels eines gezielten Schusses ins Jenseits befördert worden. Bruno war der Liebling der Presse, seine anarchistischen Eskapaden gaben Anlass zu allerlei Rummel und Spott über die misslungenen Fangversuche. Eine finnische Suchmannschaft mit Hunden musste unverrichteter Dinge wieder abziehen, die Hunde waren zu erschöpft – Bruno hatte sie an der Nase herumgeführt.
Die Publicity um den Bären nahm teilweise groteske Formen an. Bei den Behörden avancierte er vom „Problembären aus einer Problemfamilie“ zum „ausgesprochenen Risikobären“, T-Shirts mit der Aufschrift „Ihr kriegt mich nie“ und sogar eine Internetseite mit einem ihm gewidmeten Computerspiel entstand.
Doch damit ist nun Schluss. Der Landesumweltminister Werner Schnappauf hatte den „Schießbefehl“ gegeben, da er den Bären als für Menschen gefährlich ansah. Warum er den Bären für gefährlich hielt, wird wohl sein Geheimnis bleiben. Außer dass der Bär ein paar Schafe und Hühner gerissen hatte, konnte ihm keiner etwas Schlechtes nachsagen. Im Gegenteil, einige Wanderer sind ihm begegnet, aber er zeigte sich friedlich. Zuletzt wurde er vom Koch eines Ausfluglokals auf einer Almwiese oberhalb des Spitzingsees im oberbayerischen Landkreis Miesbach gesehen. Der Bär stand hungrig vor dem Küchenfenster, wie der Koch sagte. Allerdings wurde er von dort weidenden Kühen verjagt. Der Bär scheint also nicht der Tapferste gewesen zu sein.
In anderen Ländern mit einer Bärenpopulation ist das Erlegen von Bären keine große Sache, wenn die Genehmigung vorliegt. Anders in Deutschland. Sofort wurden Proteste, Rücktrittsforderungen und Morddrohungen laut. Der Schlierseer Bürgermeister empörte sich zwar wortgewaltig über den Abschuss, aber wenn der Bär einmal ausgestopft ist, will er ihn gerne im Bauernhofmuseum ausstellen. Wenn schon mit einem lebenden Bären keine Kasse zu machen ist, dann eben mit einem toten.
„Bruno“ war der erste Bär, der seit 170 Jahren in Deutschland in freier Wildbahn beobachtet werden konnte. Wie viele andere Raubtiere mussten die Bären den Siedlungsgebieten der Menschen weichen, sie wurden unerbittlich verfolgt. Es wurde ihnen eine gewissen Mordlust angedichtet, um ihre Ausrottung zu rechtfertigen. Ähnliches geschah auch mit Wölfen. Jedoch zeigen Beispiele in anderen Ländern, dass Bären und Menschen durchaus nebeneinander leben können. Brunos Tragik war, dass er sich eben in den Augen der „Experten“ „daneben“ benommen hat. Es kommt durchaus vor, dass Bären durch Ortschaften laufen und Nutztiere reißen, aber das ist selten. Dort, wo Bären noch in freier Wildbahn leben, zeigt es sich, dass Natur und Mensch sich gegenseitig tolerieren. Vielleicht kommt dieser Zeitpunkt auch einmal in den bayerischen Alpen. Man muss ja nicht gleich scharfe Geschütze auffahren, ein Betäubungsschuss hätte es vielleicht auch getan.


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