7. Jahrgang
Ausgabe Nr. 2

8. Januar - 14. Januar 2008
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Drei Jahre nach dem Tsunami

 

Drei Jahre nach dem Tsunami

Pfarrer Burkhard Bartel

Wer drei Jahre nach dem Tsunami nach Khao Lak kommt, der ist gespannt auf die Veränderungen. Wie geht es den betroffenen Menschen? Hat sich der Strand wieder erholt? Sind die Ressorts und Hotelanlagen wieder aufgebaut? Und dann ist man erst einmal erstaunt über die Normalität, der man überall begegnet. So als wäre hier nie etwas geschehen. Aber hier sind am 26. Dezember 2004 mehr als 5.000 Menschen gestorben und 85 Prozent aller Hotels wurden komplett zerstört. Erst nach und nach beginnen die Angestellten und Feriengäste ihre persönliche Geschichte vom großen Wasser zu erzählen.
Die evangelische deutschsprachige Gemeinde Bangkok hat drei Jahre im Tsunami-Gebiet gearbeitet. Der Schwerpunkt unserer Hilfe lag in Khao Lak und in Ban Nam Khem. Hier schlug die Welle wohl am brutalsten zu: Von 7000 Bewohnern verloren etwa die Hälfte ihr Leben. Der Ort selbst wurde zu 85 Prozent zerstört. Wir haben Familien unterstützt, beim Wiederaufbau geholfen, wir haben Operationen und notwendige Nachoperationen bezahlt, bei denen durch Bakterienbefall oft Gliedmaßen amputiert werden mussten. Aber immer noch sterben Menschen an den Folgen von Lungenschädigung durch verschmutzten Sand und Salzwasser.

Linus Nicolai Leger mit seinem Taufpaten und seiner Mutter.
In der Woche nach dem dritten Advent war ich 2007 zum letzten Mal im Tsunami-Gebiet. Wehmut mischte sich in den Abschied, denn die Not hat tiefe Verbindungen geschaffen und Freundschaften entstehen lassen.
Der Anlass der Reise nach Khao Lak war am 17. Dezember die Taufe von Linus Nicolai Leger aus Stuttgart. Diese fand genau an dem Strandabschnitt in Khao Lak statt, wo vor drei Jahren das erste Kind der Familie Leger, Tim, von der großen Welle getötet wurde. Die schwere Zeit, die ein Mensch durch ein solches Geschehen erlebt, kann wohl nur derjenige nachempfinden, der selbst Ähnliches erfahren hat. Der Trost: Vor sieben Monaten erblickte Linus das Licht der Welt. Die Mutter suchte den Taufspruch aus dem Timotheusbrief des Paulus aus: „Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.“
Das Freudenfest der Taufe eines neugeborenen Kindes, der todbringenden Tsunami als Erinnerung und das weihnachtliche Friedensfest fielen zusammen. Fast alle Gottesdienstbesucher hatten durch den Tsunami einen lieben Menschen verloren. Wir ließen den Tränen Lauf beim Blick auf das Meer, und trotzdem hatten wir Freude über den Neuanfang eines neuen Menschen.
Viele erzählten mir von ihren schlechten Träumen, ihrer Schreckhaftigkeit und Depressionen. Und einige sagten, dass sie Menschen kennen, die nicht mehr weiterleben wollen. Jeder von uns kennt Situationen von großer Furcht. Dabei wissen wir, dass Furcht nicht nur negativ ist, weil sie uns lähmt, sie ist auch wichtig, weil sie uns zum Beispiel vor Gefahren warnt. Ganz wenige haben die Gefahr kurz vor der hohen Welle am 26. Dezember erkannt. Eine Frau erzählte mir, dass sie zwei Tage vorher zufällig ein Buch über Tsunamis gelesen hätte. Auch sie war hier an diesem Strand, ein paar Hotels weiter. Und als das Wasser zurückging, fing sie an laut zu rufen, ja wie verrückt zu schreien, und sie konnte einige bewegen, sich mit ihr schnell auf höheres Gelände zu retten. Beim Laufen sah sie einen jungen Mann mit schwerem Rucksack, dem sie zurief, er solle ihn doch schnell fallen lassen. Aber er wollte nicht loslassen und wurde in die Welle gezogen.
Tausende haben aber überlebt. Was ist mit ihnen seither geschehen? Die allermeisten haben mit Unterstützung von thailändischen Behörden und Privatorganisationen und Kirchen aus der ganzen Welt ihre völlig zerstörten Häuser wieder aufbauen können. Im Ort ist wieder Leben eingekehrt. Doch auch drei Jahre nach der großen Tsunami-Welle gibt es viele, die weiterhin Angstträume haben und beim kleinsten unbekannten Geräusch in Panik geraten.
Ein Pfarrer und ein Batik-Atelier-Besitzer sagten, dass es viel Korruption gab und gibt. Die Eifersucht ist groß, auch zwischen Freunden und sogar Familien. Die Menschen wurden sehr unterschiedlich behandelt. Viele sind durch den Tsunami sogar reich geworden.
Fischer sagen, dass sie Angst vor der Zukunft haben. Die Häuser sind nicht stabiler als früher. In den letzten drei Jahren gab es immer wieder hohe Wellen, die den Sand bis ins Wohnzimmer spülten. Das gibt es erst seit dem Tsunami. Eine Frau erzählt: „Wir fürchten uns vor einem neuen Tsunami. Und wir fürchten uns vor den Geistern der Verstorbenen. Praktisch auf jedem Quadratmeter starb ein Mensch und viele sind nicht richtig bestattet worden. Sind nie aus unseren Teichen im Dorf geborgen worden. Als die Welle unser Haus erfasste, hatte ich meine kleinen Zwillinge im Arm. Ich wurde unter das Wasser gewirbelt und die Kinder wurden mir weggerissen. Wir haben sie bis heute nicht gefunden. Ich träume oft, wie ich vor dem Wasser davonlaufe und es plötzlich schwarz wird.“

Die Erosion in Khao Lak ist nicht zum Stillstand gekommen.

Fast alle Hilfsorganisationen, die gleich nach dem Tsunami ihre Zelte aufbauten und bald in feste Unterkünfte zogen, sind inzwischen wieder weg. Man hört oft Lob, wie Thailänder und Ausländer nebeneinander ganz unbürokratisch und selbstlos in den ersten Tagen und Wochen geholfen haben. Schon am zweiten Tag hat es überall ausreichend Trinkwasser und gekochten Reis gegeben. Dann schickten Baufirmen aus dem ganzen Land schweres Gerät, um die Straßen zu räumen und umgestürzte Häuser und Bäume zu beseitigen. Heute sind auch die Hotelanlagen in Khao Lak fast alle wieder aufgebaut und schöner als früher. Viele, vor allem kleinere Betriebe, mussten hohe Kredite aufnehmen. Aber der Tourismus läuft noch nicht so wie früher. Nicht einmal jetzt in der Hauptsaison sind alle Betten belegt. Der Name „Khao Lak“ ist zum Inbegriff des Schreckens geworden. Speziell Touristen aus asiatischen Ländern bleiben weg, weil auch sie die Seelen der Toten fürchten. Da die Einkünfte viel zu gering sind, um die Schulden zu tilgen, mussten viele schon wieder verkaufen. Ein Tauchlehrer sagte: „Reiche aus Bangkok kaufen das Land. In wenigen Jahren wird es hier einen ähnlichen Tourismus geben wie in Pattaya oder Phuket.“
Was heute im Gebiet an vielen Orten gebraucht werden würde, sind psychologische Beratungsstellen. Die gibt es aber hier nicht.
Viele Betroffene aus Deutschland kamen zum Jahrestag des Tsunami an den Ort des Schreckens zurück. Eine Frau sagte: „Ich bin zum ersten Mal wieder hier. Ich war zwei Jahre in Deutschland in psychologischer Behandlung. Nun bin ich hier, weil ich ganz gesund werden möchte.“
Bei meinem Abschiedsspaziergang fotografierte ich die weißen Wellen am Strand von Khao Lak mit einem aufziehenden Gewitter am Horizont.

Der Kindergarten in Takua Pa hat wieder seinen normalen Betrieb aufgenommen.

Gewitterwolken ziehen über Ban Nam Khem.



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