Pfarrer Burkhard Bartel
Wer drei Jahre nach dem Tsunami nach Khao Lak kommt, der ist
gespannt auf die Veränderungen. Wie geht es den betroffenen Menschen? Hat
sich der Strand wieder erholt? Sind die Ressorts und Hotelanlagen wieder
aufgebaut? Und dann ist man erst einmal erstaunt über die Normalität, der
man überall begegnet. So als wäre hier nie etwas geschehen. Aber hier sind
am 26. Dezember 2004 mehr als 5.000 Menschen gestorben und 85 Prozent aller
Hotels wurden komplett zerstört. Erst nach und nach beginnen die
Angestellten und Feriengäste ihre persönliche Geschichte vom großen Wasser
zu erzählen.
Die evangelische deutschsprachige Gemeinde Bangkok hat drei Jahre im
Tsunami-Gebiet gearbeitet. Der Schwerpunkt unserer Hilfe lag in Khao Lak und
in Ban Nam Khem. Hier schlug die Welle wohl am brutalsten zu: Von 7000
Bewohnern verloren etwa die Hälfte ihr Leben. Der Ort selbst wurde zu 85
Prozent zerstört. Wir haben Familien unterstützt, beim Wiederaufbau
geholfen, wir haben Operationen und notwendige Nachoperationen bezahlt, bei
denen durch Bakterienbefall oft Gliedmaßen amputiert werden mussten. Aber
immer noch sterben Menschen an den Folgen von Lungenschädigung durch
verschmutzten Sand und Salzwasser.
Linus
Nicolai Leger mit seinem Taufpaten und seiner Mutter.
In der Woche nach dem dritten Advent war ich 2007 zum letzten Mal im
Tsunami-Gebiet. Wehmut mischte sich in den Abschied, denn die Not hat tiefe
Verbindungen geschaffen und Freundschaften entstehen lassen.
Der Anlass der Reise nach Khao Lak war am 17. Dezember die Taufe von Linus
Nicolai Leger aus Stuttgart. Diese fand genau an dem Strandabschnitt in Khao
Lak statt, wo vor drei Jahren das erste Kind der Familie Leger, Tim, von der
großen Welle getötet wurde. Die schwere Zeit, die ein Mensch durch ein
solches Geschehen erlebt, kann wohl nur derjenige nachempfinden, der selbst
Ähnliches erfahren hat. Der Trost: Vor sieben Monaten erblickte Linus das
Licht der Welt. Die Mutter suchte den Taufspruch aus dem Timotheusbrief des
Paulus aus: „Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der
Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.“
Das Freudenfest der Taufe eines neugeborenen Kindes, der todbringenden
Tsunami als Erinnerung und das weihnachtliche Friedensfest fielen zusammen.
Fast alle Gottesdienstbesucher hatten durch den Tsunami einen lieben
Menschen verloren. Wir ließen den Tränen Lauf beim Blick auf das Meer, und
trotzdem hatten wir Freude über den Neuanfang eines neuen Menschen.
Viele erzählten mir von ihren schlechten Träumen, ihrer Schreckhaftigkeit
und Depressionen. Und einige sagten, dass sie Menschen kennen, die nicht
mehr weiterleben wollen. Jeder von uns kennt Situationen von großer Furcht.
Dabei wissen wir, dass Furcht nicht nur negativ ist, weil sie uns lähmt, sie
ist auch wichtig, weil sie uns zum Beispiel vor Gefahren warnt. Ganz wenige
haben die Gefahr kurz vor der hohen Welle am 26. Dezember erkannt. Eine Frau
erzählte mir, dass sie zwei Tage vorher zufällig ein Buch über Tsunamis
gelesen hätte. Auch sie war hier an diesem Strand, ein paar Hotels weiter.
Und als das Wasser zurückging, fing sie an laut zu rufen, ja wie verrückt zu
schreien, und sie konnte einige bewegen, sich mit ihr schnell auf höheres
Gelände zu retten. Beim Laufen sah sie einen jungen Mann mit schwerem
Rucksack, dem sie zurief, er solle ihn doch schnell fallen lassen. Aber er
wollte nicht loslassen und wurde in die Welle gezogen.
Tausende haben aber überlebt. Was ist mit ihnen seither geschehen? Die
allermeisten haben mit Unterstützung von thailändischen Behörden und
Privatorganisationen und Kirchen aus der ganzen Welt ihre völlig zerstörten
Häuser wieder aufbauen können. Im Ort ist wieder Leben eingekehrt. Doch auch
drei Jahre nach der großen Tsunami-Welle gibt es viele, die weiterhin
Angstträume haben und beim kleinsten unbekannten Geräusch in Panik geraten.
Ein Pfarrer und ein Batik-Atelier-Besitzer sagten, dass es viel Korruption
gab und gibt. Die Eifersucht ist groß, auch zwischen Freunden und sogar
Familien. Die Menschen wurden sehr unterschiedlich behandelt. Viele sind
durch den Tsunami sogar reich geworden.
Fischer sagen, dass sie Angst vor der Zukunft haben. Die Häuser sind nicht
stabiler als früher. In den letzten drei Jahren gab es immer wieder hohe
Wellen, die den Sand bis ins Wohnzimmer spülten. Das gibt es erst seit dem
Tsunami. Eine Frau erzählt: „Wir fürchten uns vor einem neuen Tsunami. Und
wir fürchten uns vor den Geistern der Verstorbenen. Praktisch auf jedem
Quadratmeter starb ein Mensch und viele sind nicht richtig bestattet worden.
Sind nie aus unseren Teichen im Dorf geborgen worden. Als die Welle unser
Haus erfasste, hatte ich meine kleinen Zwillinge im Arm. Ich wurde unter das
Wasser gewirbelt und die Kinder wurden mir weggerissen. Wir haben sie bis
heute nicht gefunden. Ich träume oft, wie ich vor dem Wasser davonlaufe und
es plötzlich schwarz wird.“
Die
Erosion in Khao Lak ist nicht zum Stillstand gekommen.
Fast alle Hilfsorganisationen, die gleich nach dem Tsunami ihre Zelte
aufbauten und bald in feste Unterkünfte zogen, sind inzwischen wieder weg.
Man hört oft Lob, wie Thailänder und Ausländer nebeneinander ganz
unbürokratisch und selbstlos in den ersten Tagen und Wochen geholfen haben.
Schon am zweiten Tag hat es überall ausreichend Trinkwasser und gekochten
Reis gegeben. Dann schickten Baufirmen aus dem ganzen Land schweres Gerät,
um die Straßen zu räumen und umgestürzte Häuser und Bäume zu beseitigen.
Heute sind auch die Hotelanlagen in Khao Lak fast alle wieder aufgebaut und
schöner als früher. Viele, vor allem kleinere Betriebe, mussten hohe Kredite
aufnehmen. Aber der Tourismus läuft noch nicht so wie früher. Nicht einmal
jetzt in der Hauptsaison sind alle Betten belegt. Der Name „Khao Lak“ ist
zum Inbegriff des Schreckens geworden. Speziell Touristen aus asiatischen
Ländern bleiben weg, weil auch sie die Seelen der Toten fürchten. Da die
Einkünfte viel zu gering sind, um die Schulden zu tilgen, mussten viele
schon wieder verkaufen. Ein Tauchlehrer sagte: „Reiche aus Bangkok kaufen
das Land. In wenigen Jahren wird es hier einen ähnlichen Tourismus geben wie
in Pattaya oder Phuket.“
Was heute im Gebiet an vielen Orten gebraucht werden würde, sind
psychologische Beratungsstellen. Die gibt es aber hier nicht.
Viele Betroffene aus Deutschland kamen zum Jahrestag des Tsunami an den Ort
des Schreckens zurück. Eine Frau sagte: „Ich bin zum ersten Mal wieder hier.
Ich war zwei Jahre in Deutschland in psychologischer Behandlung. Nun bin ich
hier, weil ich ganz gesund werden möchte.“
Bei meinem Abschiedsspaziergang fotografierte ich die weißen Wellen am
Strand von Khao Lak mit einem aufziehenden Gewitter am Horizont.

Der Kindergarten in Takua Pa hat wieder seinen
normalen Betrieb aufgenommen.

Gewitterwolken ziehen über Ban Nam Khem.