8. Jahrgang
Ausgabe Nr. 3

20. Januar - 26. Januar 2009
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Darüber spricht man nicht

Franz Schmidt

Zu den bemerkenswerten Eigenarten der thailändischen Mentalität gehört das Streben nach Harmonie und Konfliktlosigkeit; Ausei-
nandersetzungen werden in der Regel verabscheut. Es gibt keine Streitkultur wie es in westlichen Ländern der Fall ist. Das führt aber leider auch dazu, dass Veränderungen in der Gesellschaft nur mühsam auf den Weg gebracht werden können. Alles ist fest gefügt, und die Rangordnungen sind festgeschrieben. Über Unangenehmes spricht man nicht, es wird verdrängt oder gar vertuscht. Eine Redewendung, die treffend die thailändische Mentalität widerspiegelt, heißt „Mai pen rai“ (macht nichts). Sie wird immer dann angewandt, wenn man einem Problem aus dem Wege gehen möchte und macht das Leben leicht und angenehm. Dieser Gemütszustand ist für Thais typisch. Man hat lieber Spaß als sich den Kopf über irgendwelche Angelegenheit zu zerbrechen, die man sowieso nicht ändern kann.
Dieser auf den ersten Blick liebenswerte Charakterzug hat jedoch Schattenseiten. Fehler werden selten zugegeben und Unannehmlichkeiten einfach ignoriert. Fällt der Putzfrau beim Staubwischen die Blumenvase vom Fenstersims, ist wahrscheinlich ein Windstoß Schuld. Schüler müssen meist ein verpatztes Schuljahr nicht wiederholen, da ein „Sitzenbleiben“ auf den Lehrer zurückfallen würde. In jeder Situation muss also das Gesicht gewahrt bleiben. Gegen jede Art von persönlicher Kritik ist man überempfindlich, man äußert sie nicht direkt. Konfrontationen werden umgangen, Diskussionen über unangenehme Themen vermieden und man stiehlt sich mit einem Lächeln davon.
Tragisch wird diese Einstellung aber, wenn Behörden bei ihrer Aufsichtspflicht versagen. Ein Beispiel ist der Brand im Bangkoker Nachtclub Santika zum Jahreswechsel. Der Betreiber hatte eine mehr oder weniger dubiose Betriebsgenehmigung, schenkte Alkohol an Jugendliche aus und war angeblich nicht versichert. Erst durch Recherchen der Medien kam ans Tageslicht, dass Unterhaltungsbetriebe dieser Art seit Jahr und Tag von den Behörden nicht auf ihre Betriebsicherheit untersucht wurden, sicherlich ein Skandal. Knapp vierzehn Tage später hat sich die zuständige Behörde dazu entschlossen, nun regelmäßige Inspektionen in allen Unterhaltungsbetrieben im ganzen Land durchzuführen zu lassen. Der zuständige Innenminister hat nun die Gouverneure aller Provinzen aufgefordert, nach festgelegten Kriterien diese Betriebe einer Prüfung zu unterziehen. Wie lange wohl? Kein Wort fiel aber darüber, warum dies bisher nicht der Fall war. Die entsprechenden Verordnungen und Gesetze sind also nicht angewandt worden. Es hätte dem Minister gut zu Gesicht gestanden, das Versagen seiner Behörde zuzugeben. Doch leider tat er es nicht. Warum müssen erst derartige Tragödien passieren, damit die Behörden tätig werden? Wir wissen es nicht! Mai pen rai?


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