Wolfram Reda
Wibke Bruhns ist vielen Deutschen als erste Moderatorin
der Nachrichtensendung „Heute“ und durch ihre Beiträge im „Stern“ bekannt.
Am 29. Juli 2009 stellte die Journalistin ihr Buch „Meines Vaters Land“ im
Goethe-Institut Bangkok vor. Das Buch ist 2004 erschienen, wurde in viele
Sprachen übersetzt und gilt als Bestseller. Weitere Lesungen fanden in der
Deutschen Botschaft und in der Chulalongkorn-Universität in Bangkok statt.
Die Autorin, 1938 geboren, war die jüngste Tochter des Geschäftsmannes und
Abwehroffiziers Hans Georg Klamroth aus Halberstadt. Klamroth gehörte zum
Kreis der Attentäter des 20. Juli 1944. Er wurde am 15.August 1944 im
Volksgerichtshof Berlin wegen Hochverrats zum Tode verurteilt und am 26.
August in Plötzensee hingerichtet.
Wibke
Bruhns beim Autogrammschreiben nach der Lesung.
Wibke Bruhns kannte ihren Vater kaum. Bei seinem Tod war sie sechs Jahre
alt, aber als Soldat war er nur selten zu Hause gewesen. Etwa verbliebene
Erinnerungen wurden durch das traumatische Erlebnis des Großangriffs auf
Halberstadt im April 1944 ausgelöscht. Auslöser für ihr Buch „Meines Vaters
Land“ waren Fotos ihres Vaters, die im Volksgerichtshof aufgenommen worden
waren und im deutschen Fernsehen viele Jahre danach ausgestrahlt wurden.
Ursprünglich wollte die Autorin ein Buch über ihren Vater schreiben. Sie
wollte diesen ihr unbekannten Mann verstehen: Was hat ihn so werden lassen,
wie er war? Was hat seine Eltern so werden lassen, dass sie ihn so erzogen
haben? Welche Prägungen wurden da von der Gesellschaft geformt, Generationen
lang umgeformt und weitergereicht? Man kann Menschen nur in ihrem
geschichtlichen Umfeld beschreiben, wenn ihr Verhalten verständlich werden
soll. So ist das Buch auch Teil eines Portraits der deutschen Gesellschaft.
Gleichzeitig ist es auch ein privates Buch, denn die Hauptperson war
immerhin der Vater der Autorin. Der hatte nicht nur schätzenswerte Seiten.
Äußerlich hat Wibke Bruhns sich schon an seiner Sprache gerieben, über
manche Passagen in seinen Briefen war sie entsetzt, weil das Ideal,
Lebensraum für das deutsche Volk zu schaffen, darin eine allzu große und
unbefragte Selbstverständlichkeit war. Wibke Bruhns wehrt sich dagegen, ein
verständnisvolles Buch geschrieben zu haben. Es ist eine Dokumentation,
beste journalistische Handwerksarbeit.
Für die Arbeit an dem Buch war es von Vorteil, dass Wibke Bruhns ihren Vater
kaum kannte und keine Gelegenheit hatte, sich mit ihm zu identifizieren.
Keine persönliche Erinnerung störte die journalistische Recherche. Die
Befragung ihrer Geschwister, von Freunden der Familie und anderen Zeitzeugen
erwies sich als unergiebig.
Das Bild des Vaters war in feststehende Redewendungen gegossen, zu Legenden
verklärt. „Weißt du noch, wie Vater ...“ Oft hemmte die stillschweigende
Familienübereinkunft, nicht über „damals“ zu reden, das Erinnerungsvermögen.
Im Nachkriegsdeutschland bis hinein in die sechziger Jahre galten die
Attentäter des 20. Juli und ihre Familien immer noch als Verräter. In
Schweden, wohin Klamroths Witwe mit ihren Kindern zog, durfte man nicht
zeigen, dass man deutsch war, die Schulkinder durften mit dem deutschen Kind
nicht spielen. Doch gab es viel schriftliches Material: Ihr Vater hatte
wöchentlich Rundbriefe an seine Familie geschrieben, es gab die Tagebücher
mehrerer Familienmitglieder, dazu Fotografien und viele andere Quellen.
Im Goethe-Institut las Wibke Bruhns aus dem Prolog ihres Buches. Willi
Germund, Korrespondent der „Berliner Zeitung“ in Bangkok, moderierte den
Abend. Eine lebhafte Diskussion schloss sich der Lesung an. Immer wieder
wurde die Betroffenheit der Autorin über die Verurteilung ihres Vaters und
über seinen Tod durch Erhängen deutlich. Das Publikum verabschiedete sich
von der erstaunlich frischen, bewegten, authentischen und ganz und gar nicht
erstarrten Siebzigjährigen durch lang anhaltenden Beifall.
Frau Dr. Ulrike Lewark, die stellvertretende Leiterin des Goethe-Instituts
Bangkok, dankte der Autorin und überreichte ihr Blumen und ein Buchgeschenk.
Auch Dr. Hanns Schumacher, der deutsche Botschafter in Bangkok, der sie
bereits aus seiner Zeit in Israel kannte, gratulierte ihr zu ihrem Erfolg.
Wibke Bruhns freute sich darüber, dass ihr Buch auch geographisch so weite
Kreise gezogen hat.

Dr. Ulrike Lewark, Willi Germund, Botschafter Dr.
Hanns Schumacher
und die Autorin Wibke Bruhns stellen sich zum Erinnerungsfoto.