9. Jahrgang
Ausgabe Nr.23

8. Juni - 14. Juni , 2010
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Doppelte Moral

Franz Schmid

Das Verfolgen der aktuellen Nachrichten auf den thailändischen Fernsehsendern in den letzten Wochen war wahrlich nichts für empfindsame Gemüter. An manchen Stellen ging es blutrünstiger zu als in einigen Horrorfilmen.

Da wurden blutüberströmte Opfer der Zusammenstöße zwischen Rothemden und Militär gezeigt, wie sie von der Straße von Helfern weggezerrt und in Sicherheit gebracht wurden. Andere Szenen zeigten Schusswechsel zwischen den Männern in Schwarz und Soldaten, Granaten und Bomben explodierten, und es sah aus wie im richtigen Krieg.

Diese Szenen der Gewalt wurden praktisch zu allen Tageszeiten ausgestrahlt und waren auch kleinen Kindern und Jugendlichen zugänglich. Bilder von Leichen oder verstümmelten Verkehrsopfern erfreuen sich allerdings seit langer Zeit auch großer Beliebtheit in den thailändischen Zeitungen und Zeitschriften, niemand findet das anstößig.

Doch wenn man von den Nachrichtensendungen auf das doch etwas sterile Unterhaltungsprogramm umwechselte, war die Welt wieder in Ordnung. Die ausgestrahlten Filme waren der thailändischen Zensur gemäß von allem befreit, was einen negativen Einfluss auf die Jugend haben könnte: keine blanken Busen, und vor allem keine Zigaretten rauchenden Darsteller, alles zensiert!

In den thailändischen Medien war zu lesen, dass es einige Tausend Menschen in Thailand gibt, die nach den politischen Unruhen psychiatrischer Behandlung bedürfen. Dies teilte das Gesundheitsministerium mit. Achtzig Prozent der Verwandten von Todesopfern haben Depressionen, Angstzustände und tragen sich mit Rachegedanken, bei den Verwandten von Verletzten sind es 20 Prozent. Unbekannt ist, bei wie vielen Menschen die Fernsehbilder der Straßenschlachten zu psychologischen Störungen führten.

Seit 1992 ist die Werbung für Tabakwaren in allen Medien Thailands verboten. Die Begründung dafür war, kleine Kinder und Jugendliche sollten keine schlechten Vorbilder haben. Mit der Werbung für Alkohol ist es ähnlich, sie darf im Fernsehen jedoch von 22 Uhr bis 5 Uhr morgens gezeigt werden.

In diesem Zusammenhang darf man fragen, welchen Einfluss auf die Psyche Jugendlicher brennende Häuser, um Hilfe schreiende Menschen und rollende Panzer haben können. Seit langem versuchen Politiker gegen Internetspiele, die zu Gewalt oder Gewaltbereitschaft animieren, vorzugehen, auch in Thailand.

Diese Anstrengungen zum Schutz der Jugend sind lobenswert und auch richtig, wenn es auch zweifelhaft ist, ob sie zum Erfolg führen. Beispielsweise kommen die meisten Raucher aus Familien, in denen zumindest ein Elternteil rauchte. Der familiäre Einfluss ist also bei weitem stärker als der der Werbung. Anders sieht es aber aus, wenn das Fernsehen brutale Gewaltszenen zeigt, die sehr wohl Auswirkungen auf Jugendliche zeigen. Warum ist dies statthaft im Vergleich zu einem eher harmlosen Western, in dem sich der Held eine Zigarette anzündet? Doppelte Moral, oder wie es heute so schön heißt: Doppelstandard?


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