9. Jahrgang
Ausgabe Nr.30

27. Juli - 2. August, 2010
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Benachteiligt oder selbst schuld?

Franz Schmid

Nach den Protesten und Ausschreitungen im April und Mai dieses Jahres in Bangkok und einigen Provinzen sind von Regierungsseite Bestrebungen im Gange, so etwas wie eine Wiederversöhnung in der gespaltenen Gesellschaft Thailands herzustellen. Der Weg, um dieses Ziel zu erreichen, ist ohne Zweifel hart und steinig. Das Ziel kann nur erreicht werden, wenn alle Gesellschaftsschichten ernsthaft bemüht sind, es auch zu erreichen. Bisher sind leider kaum Anzeichen dafür zu entdecken.

Dass es zu dieser gesellschaftlichen Spaltung gekommen ist, liegt hauptsächlich in der Geschichte Thailands begründet. Thailands Wandel von einem Feudalsystem zu einer demokratischen Gesellschaft nach westlichem Vorbild ging langsam voran und ist keinesfalls abgeschlossen. Hierarisches Denken und selbst auferlegter Untertanengeist sind tief verwurzelt; das Patronagesystem besteht weiterhin.

Ein Großteil der Bevölkerung, vor allem im Nordosten und Osten Thailands, fühlt sich von den Entscheidungsprozessen in Politik und Wirtschaft ausgeschlossen. Diese Landbevölkerung ist der Meinung, sie sei benachteiligt. Doch bei den Demonstrationen kam nicht klar zum Ausdruck, was das eigentliche Anliegen war. Gab es etwa Forderungen nach besserer Schulbildung, Gesundheitsversorgung, nach Stärkung der Bürgerrechte und mehr Freiheit? Kaum! Aber Forderungen nach Subventionen und staatlich festgelegte Preisen für landwirtschaftliche Produkte sind äußerst populär.

Diese Dinge helfen den Leuten, es sich bequem zu machen und den Staat für sie sorgen zu lassen, ohne dass sie selbst etwas dazu beisteuern müssten. Die po­pulistische Aktion der Regierung Thaksin, „Eine Million Baht für jedes Dorf“ hat nichts weiter gebracht als die Anschaffung von Motorrädern, der Spielsucht zu frönen oder dem Alkohol zuzusprechen. Investitionen in die Zukunft wurden nicht getätigt.

Nett gemeinte staatliche Eingriffe tragen nicht dazu bei, die Einkommensunterschiede zwischen Stadt und Land anzugleichen. Die betroffenen Menschen müssen selbst etwas dazu beitragen. Viele denken nur an das Heute, das Morgen kommt ihnen nicht so sehr in den Sinn. Diese seit Jahrhunderten manifestierte Geisteshaltung kann nur durch Erziehung und Bildung beseitigt werden. Wie lange wird es jedoch dauern, bis es Lehrer gibt, die in den Schulen diesen Teufelskreis durchbrechen werden?

Wirft man einen Blick auf die Politik, stellt man mit Erstaunen fest, dass die so genannte Elite in Bangkok keinesfalls so einflussreich ist, wie behauptet wird. Seit dem Ende der Militärherrschaft im Jahre 1988 stammten die Premierminister zum größten Teil aus der Provinz, ein paar kamen aus Bangkok. Der einzige, der die so genannte Bangkoker Elite mehr oder weniger repräsentiert, ist der derzeitige. Die Provinzfürsten sind seit jeher sehr einflussreich, versuchen aber, von ihren Tölpeleien abzulenken, indem sie alle Unannehmlichkeiten den Politikern in Bangkok in die Schuhe schieben.

Diejenigen, die heute so laut schreien, sie seien benachteiligt, sollten zuerst einmal in sich gehen und danach fragen, inwieweit sie selbst daran schuld sind, und erst dann mit dem Finger auf andere zeigen.


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