Ein Interview mit Sheldon Shaeffer

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Der ehemalige Direktor der UNESCO Asien und der regionalen pazifischen Bildungsabteilung in Bangkok äußert seine Meinung über die derzeitige Situation in Thailand

Am Abend des 5. Juni 2014 trafen sich in Pattaya lebende Ausländer zu einem Gedankenaustausch. Unter ihnen war auch Sheldon Shaeffer, der ehemalige Direktor der UNESCO Asien und der regionalen pazifischen Bildungsabteilung in Bangkok, der seinen Ruhestand in Thailand genießt. An diesem Abend hatte ein Reporter der Pattaya Mail Mediengruppe die Gelegenheit, ein Interview mit ihm zu führen.

Frage: Welche Tätigkeit genau übten Sie vor Ihrem Ruhestand aus?

Sheldon: Ich war Direktor der UNESCO Asien und der regionalen pazifischen Bildungsabteilung in Bangkok. Diese Abteilung betreut 46 Länder in Asien und im pazifischen Raum. Das war ich sieben Jahre lang. Zuvor war ich der Leiter der Bildungsabteilung der UNICEF in New York.

Frage: Was denken Sie über die aktuelle politische und wirtschaftliche Situation in Thailand?

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Sheldon: Ich denke, die Situation hat einen Punkt erreicht, an dem es immer schwieriger für die beteiligten Seiten wird, einen Kompromiss als Ausweg aus der Sackgasse zu finden. Als Kanadier bin ich der Überzeugung, dass Demokratie die beste Regierungsform ist. Ich freue mich auf den Augenblick, an dem Thailand zu einer wahren demokratischen Regierung findet. Das wird die Stabilität der Regierung und der Wirtschaft stärken. Dies ist nicht nur für die Menschen in Thailand gut, sondern wird auch Investoren und Touristen anlocken. Thailand muss ein Bild eines sicheren und gefahrlosen Ortes abgeben, vornehmlich an einem Ort wie Pattaya. Es ist gut, dass die Ausgangssperre beendet wurde, mindestens für Pattaya, da sich die Stadt wieder als attraktiver Platz für Besucher darstellen kann. Ich finde es unglücklich, dass so viele Länder Reisewarnungen bezüglich Sicherheit herausgegeben haben. Das macht die Dinge für die Tourismusindustrie schwieriger. Regierungen mögen mit der derzeitigen politischen Entwicklung nicht einverstanden sein, aber das sollte nicht bedeuten, Thailand sei ein unsicherer Platz.

Frage: Wie sind die Auswirkungen auf das Geschäftsleben?

Sheldon: Wenn man Restaurants, Hotels und den Strand in Pattaya besucht, wird klar, wegen der Nebensaison und Thailands augenblicklichen Ansehens im Ausland verläuft das Geschäftsleben sehr verhalten. Lasst uns hoffen, dass trotz der Nebensaison die Anzahl der Touristen steigen wird, da die Ausgangssperre aufgehoben wurde und die politische Situation sich stabilisiert hat.

Frage: Sie verleben Ihren Ruhestand in Pattaya und Bangkok. Was machen Sie so?

Sheldon: Ich bin zwar pensioniert, aber es ist besser, ein wenig beschäftigt zu sein, als sich zu langweilen, daher arbeite ich immer noch für Behörden der UN, internationale Regierungs-unabhängige Organisationen und andere Institutionen. Meine Arbeit besteht aus Verfassen von Texten, ich mache Präsentationen auf Konferenzen und nehme Auswertungen vor. Mein Fachgebiet ist Bildung, und ich versuche, mich damit weiter zu beschäftigen.

Frage: Wir haben schon über die Wirtschaft gesprochen. Welche Änderungen würden sie gerne sehen, wenn die Regierung ihre Probleme bereinigt hat?

Sheldon: Ich denke, es muss wieder Vertrauen hergestellt werden, zuerst in Thailand selbst, so dass die Wirtschaft sich stabilisiert und wächst. Das wäre auch für ausländische Investoren attraktiver – für Leute, die Fabriken bauen, neue Geschäfte eröffnen, in Immobilien investieren wollen usw., und zwar in einem Klima, welches Sicherheit und Stabilität für ihre Investitionen bietet. Dies bedeutet aber auch stärkeren Wettbewerb zwischen Thailand und den anderen Ländern bei Investitionen. Das wird noch wichtiger, wenn 2015 die vollständige wirtschaftliche Integration für ASEAN beginnt. Da andere ASEAN-Länder über besser ausgebildete Fachkräfte und Arbeiter verfügen, muss Thailand Investoren überzeugen, dass es beachtliche Vorteile gegenüber den anderen Ländern bietet. Thailand war einmal das führende Land innerhalb ASEAN, wirtschaftlich und bildungsmäßig. Aber nun gibt es einen größeren Wettbewerb, nicht nur von Singapur, sondern auch von Malaysia, den Philippinen und immer stärker von Vietnam. Thailand muss sich sehr anstrengen, wieder an die Spitze zu kommen.

Frage: Was möchten Sie gerne, was die Regierung für die thailändischen Menschen tun sollte?

Sheldon: Mein Hauptinteresse gilt der Bildung; ich denke, das ist sehr wichtig. Die Regierung gab 25 Prozent ihres jährlichen Etats für Bildung aus, das ist einer der höchsten Prozentsätze in der Welt. Aber 10 Prozent der Kinder in Thailand sind nicht in Grundschulen eingeschrieben. Und im Alter von siebzehn Jahren verbleiben nur 60 Prozent auf der Schule. Und wenn man sich das Endergebnis ansieht, was die Schüler in Thailand erreichen, ist dies ziemlich dürftig. Im internationalen Vergleich liegt Thailand fast am Ende der Liste. Es gibt zum Beispiel einen Leistungsindex für Englisch, mit dem versucht wird, zu ergründen, wie gut die einzelnen Länder bei Englischkenntnissen abschneiden. Englisch ist nicht nur für den globalen Handel wichtig, sondern auch für die Integration von ASEAN. Bei diesem Test, der 60 Länder umfasst, liegt Thailand an 55. Stelle und Vietnam an 28. Stelle. Bei einem anderen internationalen Test mit 60 Ländern liegt Thailand bei Mathematik an 50. Stelle und bei Wissenschaft und Lesekenntnissen an 48. Stelle. Thailand liegt deutlich niedriger als Singapur, Vietnam und andere Länder. Das macht Thailand nicht gerade wettbewerbsfähiger mit anderen Ländern bezüglich Bildungsniveau, besonders bei Englisch.

Frage: Haben Vietnam, Singapur und Malaysia ein besseres Bildungssystem als Thailand?

Sheldon: Auf vielen Gebieten ja. Thailand muss einen Weg aus diesem Nachteil finden, indem es die Qualität des Bildungssystems verbessert. Man braucht eine umfassendere frühkindliche Betreuung und Aufklärung über bessere Gesundheit und Ernährung ab Geburt, größerer Gebrauch der Muttersprache in den ersten Jahren der Grundschule, was den Kindern zu besserer Lese- und Schreibfähigkeit verhilft, besser ausgebildete und bezahlte Lehrer, ein größeres Augenmerk auf kritisches Denken und Eigeninitiative statt mechanisches Auswendiglernen. Dazu gehört auch die Schaffung gleichwertiger Bildungsmöglichkeiten in ländlichen Gebieten so wie in Bangkok, für Kinder, die zuhause Thai sprechen und denen, die das nicht tun, für Kinder mit und ohne Behinderungen, für reiche und arme Kinder. Viele Kinder werden weder von der Regierung oder ihren Familien ausreichend unterstützt, besonders in armen Bezirken. Ein Studium in Bangkok bietet größere Vorteile wegen größerer Förderung durch die Regierung. Aber ich denke, den Schulen in abgelegenen Gegenden sollte die gleiche Möglichkeit gegeben werden. Mehr Unterstützung von Stipendien zum Beispiel werden die Chancen für alle Kinder in Thailand verbessern, eine qualitative Ausbildung zu erhalten und die Ungleichheit in der derzeitigen thailändischen Gesellschaft verringern.

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